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Lounge im Museum
Lounge im Museum

WARUM MUSEUM?

| 9 Kommentare

Ihr kennt das – manchmal stellt jemand eine Frage, die so einfach klingt, dass einem die Gesichtszüge entgleisen. Nicht weil die Frage so blöde wäre, sondern weil die Frage so simpel ist, dass einem keine Antwort einfällt. Es erschien bisher einfach zu selbstverständlich, um darüber nachzudenken. Mich erwischte es kalt bei der Frage: „Warum eigentlich Museum?“

MUSEEN SIND WICHTIG!

Mitten im schönsten Wortfluss, als ich gerade erzählte, wie wichtig es doch ist, dass Museen partizipativer arbeiten, dass sie sich interkulturell öffnen, dass ich mich dafür einsetzen möchte, dass sie vermehrt die sozialen Medien nutzen, um die Interessen ihrer BesucherInnen besser kennen zu lernen etc.pp., kam mein Gegenüber mit dieser Frage aus dem Hinterhalt: Warum denn all das ausgerechnet für Museen? Warum dieser ganze Aufwand gerade für so traditionelle Institutionen? Für diese langsam navigierenden Tanker, diese Horte bildungsbürgerlicher Kontemplation?

Nun, äh, ja weil… Klar, Antworten gibt es viele, ich hätte auf der persönlichen Ebene bei den Museumserlebnissen meiner Kindheit beginnen können, bei tollen Theorien wie James Cliffords “contact zone“ weitermachen können, und bei innovativen Museumsprojekten wie Katja Webers „Stadtlabor“ noch lange nicht aufhören müssen.

 MIT DINGEN DENKEN

Für mich trifft das den Kern der Sache aber noch nicht so ganz. Auf meinem Weg zu einer Antwort machte ich Station bei zwei Museumpraktikerinnen, die ich sehr schätze: Daniela Bystron, die in Berlin für die Kunstvermittlung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – und in der Neuen Nationalgalerie verantwortlich ist, sprach von der Fähigkeit des Museums, eine Art „Visuelle Philosophie“ zu betreiben. Eine schöne Formulierung, die ich so verstand, dass Museen ein Nachdenken über Inhalte und andere Wissensformen nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch das Kombinieren von Objekten anschaulich machen können können. Seien es Bilder oder historische Gegenstände: sie sprechen für sich und miteinander, auf eine sinnliche, Begriffe sprengende Weise. Jeder Besucher, jede Besucherin kann sich ihren Zugang zu ihnen über die eigenen Sinneseindrücke selbst erschließen. Ich mag diese Formulierung und habe als Ausstellungsmacherin das eigenmächtige Wispern der Objekte im Museumsraum immer besonders geliebt.

HEIMAT MUSEUM

Die Kunsthistorikerin und Kommunikationstrainerin Gundula Avenarius (Kultur im Dialog, Berlin) brachte einen weiteren Gedanken ins Spiel: Ein Museum kann auch Geborgenheit vermitteln. „Bilder wiederzusehen ist wie nach Hause kommen“ sagt sie in Anlehnung an Cees Nootebooms Idee der persönlichen Beziehung, die man zu Künstlern und Kunstwerken entwickeln kann. Man kehrt in die eigene Gedanken und Gefühlswelt zurück, wie in ein Tagebuch des eigenen Erlebens, das man bei jedem Wiedersehen überprüfen kann, und zu dem neue Sichtweisen dazu kommen. Man hat die Fährten schon einmal gelesen, freut sich über das Wiederentdecken, und fühlt sich zuhause in einer Welt, die man sich selbst angeeignet und als BetrachterIn mitgeprägt hat. Während einer Führung in einem bayrischen Schloss beobachtete ich unlängst eine Dame, deren größter Genuß darin zu bestehen schien, sich den eigenen Wissensstand bestätigen zu lassen. Das muß man nicht belächeln, man kann es auch einfach anerkennen als eines der wichtigen Potentiale von Museen: Erinnerung zu feiern, Sicherheit zu geben, Bestätigung zu ermöglichen. Gundulas Verweis, dass man sich in Museen zu Hause fühlen kann, fand ich sehr schön.

THE REAL THING

So unterschiedlich Menschen und Museen sind – gemeinsam ist den meisten Fällen musealen Erlebens, dass die Begegnung mit dem realen Objekt im Zentrum steht. Wenn das Ding zum Beispiel mal nicht wie im Alltag als willfähriger Wunscherfüller, sondern in seiner eigenen Qualität wahrgenommen wird, dann bist Du im Museum. Und wenn die Inszenierungen, die die Dinge in Bedeutungszusammenhänge bringen, selbst thematisiert werden, wenn die Mechanismen der musealen Rhethorik offen gelegt werden, dann bist Du in einem besonders guten Museum. Für mich ist das Museum mehr als jeder andere Ort in der Lage, zur Reflektion über Wahrnehmung und Kommunikationsformen anzuregen. Und am meisten liebe ich Museen, wenn sie spannende Inhalte bieten, die über sich hinausweisen, eine gesellschaftspolitische Relevanz haben. Die in der Lage sind, über das Objekt und seine Inszenierung das persönliche Erleben des Einzelnen mit kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Phänomenen zu verknüpfen.

DIESE DINGE, DIE NUR MUSEEN TUN KÖNNEN

Einen ganz besonderen Museumsmoment erlebte ich kürzlich in München. Das Deutsche Museum München zeigte in einer Ausstellungsübernahme aus dem Stapferhaus in Lenzburg (Schweiz) die Ausstellung @home. Mit der loungeartigen Atmosphäre und der gesellschaftspolitischen Fragestellung dieser Präsentation ist das Deutsche Museum einen großen Schritt Richtung Zukunft gegangen. Es wurden „Hosts“ beschäftigt, die als „digital natives“ aus erster Hand vom Internet und der digitalen Kommunikation berichten konnten. Mein Host ermöglichte uns bei einer Führung als professioneller Game-Produzent völlig neue Einblicke, ein älterer Herr in unserer Führungsgruppe hatte noch selbst bei Siemens den ersten Rechner ohne Röhren gebaut und Halbleiter eingelötet. Die Fähigkeit, anhand von Objekten Begegnungen quer durch Alters- oder soziale Gruppen zu ermöglichen, und unterschiedlichste Perspektiven auf den gleichen Gegenstand zusammen zu bringen, macht in meinen Augen Museen so wichtig. Austausch und Partizipation sind die Wege zu einem Museum der Zukunft.

CONNECT!

Und noch einen anderen Museumsmoment erlebte ich in München: Ich stand in einem Raum, umgeben von mehreren Hör-Kabinen, wo ich per Knopfdruck Expertenstimmen zu Fragen rund ums Internet hören konnte. Ich schwanke gerade noch unentschlossen zwischen der Kabine „Gewalt und Pornographie“ und der Kabine „Gesellschaft und Politik“, da passiert es: Es ist 16.55 Uhr, und der Strom wird abgestellt. In diesem Moment war es, als würde auch mir der Strom abgedreht. Als hätte man einen Zaun um die Welt gezogen, und ich muss draußen bleiben. Das Museum wurde geschlossen, und mein Entdeckerdrang lief ins Leere. Das war der Moment, in dem ich meine ganz persönliche Antwort auf die Frage „Warum Museen“ fand: Weil sie mich bereichern. Weil ich hier meine eigenen Geschichten in Verbindung bringen kann mit den Geschichten Anderer. Weil jedes Museum unendlich viele Welten beherbergt, und ich ein Teil davon werden kann. Museen sind Freiräume eigener Ordnung, die sich mit und durch ihre BesucherInnen entwickeln, und genau das macht sie unverzichtbar. Deshalb Museum.

Und, kann diese Antwort überzeugen?

9 Kommentare

  1. Gretchenfrage, gute Frage: Warum brauchen wir Museen? Viel zu selten gestellt, erst recht von Menschen, die dort arbeiten (nicht verwunderlich, weil: Wir sind, weil wir sind).
    Nächste Frage: Was wäre, wenn es keine Museen gäbe?
    Dann lauere ich gespannt auf Antworten…

  2. Interessanterweise ist diese frage auch innerhalb der Ausstellung immer wieder aufgetaucht, nur mehr so formuliert: „Was hat das in einem Museum verloren?“

    Da ich als Host, also quasi Exponat, mich direkt fragte, was ich denn eigentlich im Museum verloren habe hier meine Antwort aus der Sicht des Ausstellungsstückes:
    Um Geschichten zu erzählen und durch den gebotenen Kontext des Museums Fragen beim Betrachter wecken und vielleicht auch Antworten liefern.
    So sind manche Dinge doch langweilig und vermeintlich alltäglich, ins Museum gestellt bekommen sie vielleicht eine andere Bedeutung, regen aber immer die Auseinandersetzung und vielleicht auch noch einen Perspektivwechsel an.

    Vielen Dank für das nette Gespräch, ich kann das Host-System nur jedem nahe legen. Sowohl Museen, als auch Besuchern.

    • Lieber Robin, herzlichen Dank für Dein Statement. Die Rolle als Host bzw. Exponat 😉 ist bestimmt nicht leicht, aber anregend… Dein letzter Satz läßt mich darüber nachdenken, ob man nicht auch BesucherInnen vorübergehend zu Hosts machen könnte, denn in dieser Rolle entwickelt man doch wahrscheinlich eine ganz andere Bindung an die Institution und neue Bezüge zu den Objekten. Und erst recht neue Einsichten über andere Besucher und Besucherinnen *g*. Jedenfalls, ich als Besucherin fand es sehr erfrischend, nicht bei einer Führung einem Institutionsrepräsentanten mit „neutralem“ Auftreten zu begegnen, sondern jemanden mit eigenen Meinungen und viel Diskussionsfreude, toll! Allein das würde ich mir schon für mehr Museen wünschen… Vielen Dank und viel Erfolg weiterhin!

  3. Besonders die Kindheitserinnerungen an Museen verbindet uns beide immer wieder . . uralte Dioramen zB haben definitiv längst eine eigene Ausstellung verdient. Ich habe es vor ein paar Tagen noch ganz deutlich in einem Museum, zunächst unbewusst, wahrgenommen: in einem Museum fühle ich mich immer ein bisschen `zuhause`.
    Danke, liebe Melanie, für diesen sehr persönlichen, sehr sensitiven Blick …

    • Und Dir Dank, liebe Melina, für Deinen Kommentar und das Kompliment … Ja, so eine Ausstellung würde bestimmt vielen Menschen glänzende Augen bescheren… Ich habe mal im Museum Altona eine Ausstellung mit historischen, aber kleinformatigen Guckkästen-Dioramen gesehen (http://www.hamburg.de/altonaer-museum/402148/juergen-glanz.html), und hatte auch mal für eine eigene Ausstellung die Schaufenster von Dali, Warhol, Behrens etc. kleinformatig von Künstlerhand nachbauen lassen. Am faszinierendsten finde ich aber nach wie vor die lebensgroßen Kunsträume, die den Betrachter neu situieren… Sollen wir mal zusammen welche erfinden? 🙂

  4. Sehr gerne – freu mich auch schon auf ein ganz bestimmtes Museum in Hagen 😉
    Nach Interaktionsmöglichkeiten im Museum halte ich bis dahin Ausschau – bin ja gerade eher fit bei partizipativen Aktionen im Stadtraum – da gibts viele tolle, gerade in NRW (Emscher Kunst,..)
    Hoffentlich bis bald, so im Herbst mal wieder persönlich 🙂

    • Hihi, auf Dich in dem bestimmten Museum freue ich mich auch 🙂 Wünsche Dir viel Spaß und Erfolg bei Deinen Stadtraumerkundungen…

  5. Schön in Worte und zusammengefasst! Für mich sind Museen auch Räume, die Bedeutungen, (individuelle Geschichte) und Inhalte neu verknüpfen – für jeden persönlich und anders.

    • Vielen Dank Meike! Wenn ich Deinen Kommentar so lese, werde ich noch neugieriger auf all die Geschichten und Bedeutungen, die andere Menschen mitbringen… Wir müssen mal zusammen ins Museum 😉 Und ich denke… für Museumspädagogen und Kuratoren sollte das doch eigentlich ein gefundenes Fressen sein, BesucherInnen zu animieren, ihre Geschichten und individuellen Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen, und diese zum Beispiel direkt in der Ausstellung um das Objekt zu versammeln… Hat das schon mal jemand versucht? Ich kenne nur diese aktuelle Beispiel, wo die ganz persönlichen Sichtweisen der Besucher abgefragt wurden: http://uncatalogedmuseum.blogspot.de/.
      Jedenfalls, im Museum mit Dir, liebe Meike, kann man dann bestimmt auch viel zum Thema Räume erfahren 😉 Merci!

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