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Unterwegs zwischen Koran und Kommerz – Hagen interkulturell

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„Parallelgesellschaft“ höre ich jemanden sagen, „aber schon nett“ wird entgegnet. Zwischen rosa Kostüm mit Perlenkette und lustig bunten Hosen changiert die Menschengruppe, in der ich untertauche, die eigene Stadt besehe wie eine Toskanatouristin, die Kamera um den Hals gehängt. Ein interkultureller Spaziergang an meinem Wohnort wird versprochen, die Entdeckung unbekannten Terrains im gewohnten Umfeld, und vorweg kann ich sagen: das gelingt.

Es beginnt alles mit der Brücke – ein Meilenstein für Hagen, dieser zerissenen Stadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, unser viel diskutierter und – vor allem außerhalb Hagens – hoch gelobter Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr RUHR2010. Frauen aus 82 Nationen schilderten ihre Farberinnerungen und Impressionen, alte Heimat meets neues Heim, zwei Künstlerinnen malten diese tagebuchartigen Colorcodes auf die hochstelzige Brücke, hinter der billiger Wohnraum auch den Zugezogenen offen steht. Jenseits der Brücke entstand so ein Wohngebiet, das von manchen „multikulturell“ und von anderen „Bronx“ genannt wird: Altenhagen, Thema und Schauplatz unserer Exkursion.

 

„Sehnsucht nach Ebene 2“ heißt das Brückenprojekt, einzig gegenständlich fassbares Motiv: die Rehe auf dem Schmutzigbraun der Tapete in der DDR – Wohnung, die einer aus Vietnam stammenden Frau in ihrem ersten Deutschlandjahr Unterschlupf bot. Das Blau ihres ersten „deutschen“ Mantels als farbiger Kreis, und gleichgewichtig dazu das Rosa, dass sie in Form von Haarschleife, Hausschuhen und anderen Mädchendingen durch ihre Kindheit begleitete. Unter den abstrakteren Farbfeldern Durchblick auf das Schild einer Gospelkirche – ja, Faith, Hoffnung braucht man hier, gegenüber verspricht eine Werbung für Werbung mehr Farbe im Einheitsgrau, die bunten Kacheln am Eck-Kiosk blättern schon ab.

 

Wie strahlend und warm hingegen das Lächeln des Mitarbeiters der Nussrösterei Ipek, die wenig idyllisch an der verkehrsumtosten Ecke unter dem Brückenrand gelegen ist. Wie jeder, den wir an diesem Tag treffen, entschuldigt er sich zuallererst umfassend für seine nicht perfekten Deutschkenntnisse, fast noch bevor er seinen Namen nennt, pflichtschuldigst, und prompt wird er –  ebenfalls wie jeder andere an  diesem Tag – von uns gefragt, wie lange er schon in Deutschland sei, und ebenso prompt wird seine Sprachkenntnis beurteilt und kommentiert. Wer kauft hier ein, wollen wir dann wissen, während er gerne von seinem Handwerk sprechen möchte, dass der Großteil seiner Nüsse aus der Türkei stammt, und von den zwei Röstmaschinen, die er verwendet. Mir ist die Situation unangenehm, dieses kollektive Interview durch 25 Personen, ich würde gern etwas Persönliches, irgendwie Zwischenmenschliches sagen und rette mich in die Frage, welche Nusssorte er am liebsten mag – die Überraschung gelingt, lachend weist er auf die Haselnüsse, und auf meinem Abschlussfoto finde ich sein Lächeln wieder, verschmitzt und etwas stolz, zwei ältere Damen aus der Gruppe kaufen schnell noch Leckereien, auch ich werde hier gern Kundin.

 

In der Querstraße erwartet uns die nächste Begegnung – angesichts der zum Verkauf aufgereihten Schuhe auf der Treppe zum Ladengeschäft „La Grace de Dieu“ dreht die erste Gruppenteilnehmerin pikiert ab und verpasst auf diese Weise afrikanische Lebensmitteln, regalweise Kosmetika und diverse Haushaltsgerätschaften auf engem Raum. Aus Angola stammt der Besitzer Alvaro Samu, mit Zwischenstationen im Kongo, in Portugal und Kassel. Seine Frau Katho Samu strahlt uns an, als wir wissen wollen, wie man die kleinen auberginenartigen Gemüse kocht, erzählt Rezepte und von ihren Söhnen, darüber welche Haarpomade Weiße in ihrem Laden kaufen und dass die Kundschaft sehr international sei. Sie ist ebenfalls einverstanden, sich fotografieren zu lassen, auch ihr Lächeln reißt mich mit, und nicht nur mich – „warum nicht“, ist plötzlich das Gefühl in der Gruppe, warum eigentlich nicht mal afrikanische Rezepte probieren, warum nicht mal hier nach Geschirr für die Küche in der neuen Wohnung gucken, eigenartig leicht wirkt plötzlich die Stimmung, so etwas wie Gemeinschaftsgefühl kommt auf, das Entdecken schweißt zusammen… Auch an diesem Ort bleiben manche länger als vorgesehen, das ungewohnte Gemüse in der Hand drehend, mögen sich nicht trennen von dem, was sein könnte.

Einige Schritte weiter holt uns die eigene Geschichte brachial ein. „Zur Stiege“ Nr. 5 wohnte Carlo Ross, trotz seiner evangelischen Taufe in ständiger Angst, dass seine Mutter und er aufgrund ihrer jüdischen Herkunft denunziert und von den Nationalsozialisten ermordet werden würden. Kaum etwas ist hier noch so, wie er es in seinen Kindheitserinnerungen „… aber Steine reden nicht“ beschrieb, und ich bedauere das keine Sekunde. Walter Möller, der im Auftrag der Volkshochschule Hagen den kostenlosen Rundgang leitet, zeigt immer wieder historische Bilder der Plätze, an denen wir stehen, und so starren wir im Anschluss auf das Schwarzweißfoto einer Bunkerwand mit einem großen Loch, wo noch 1945 bei einem Bombenangriff über 400 Menschen starben. Heute dient der Bunker an der Körnerstraße 94 einer kurdischen Gemeinde als Moschee, Ort für Sprachunterricht, Sitz des kurdischen Instituts für Wissenschaft und Forschung e.V., und als Treffpunkt über Konfessionen und sprachliche Grenzen hinweg – unser nächstes Ziel.

 

Im Erdgeschoss ein schlicht weiß gekachelter Raum, gedacht für Feste und Treffen, hier empfangen uns vier junge Männer. Einer stellt sich namentlich vor und führt uns nach dem Ablegen unserer Schuhe in den Gebetsraum im Ersten Stock. Der Blick streift den Frauenbereich hinter einem kleinen fahnenbehangenen Fenster und wandert dann im großen Gebetsraum der Männer über Gebetsnische, Kanzel, die elektrische Uhr mit den Angaben der Zeiten für die fünf Tagesgebete, die bunten Wandkacheln und farbigen Gipsornamente. Wir sitzen auf den Teppichen und lauschen dem jungen Mann, seinen Erklärungen über das Gebäude und die Nutzung der vier Stockwerke für Gebet, Lektüre, Unterricht und festliches Zusammentreffen. Die fünf Säulen des Islam werden erklärt, über die Gepflogenheiten beim Gebet gesprochen, Nächstenliebe als hohes Gebot. Ganz selbstverständlich findet er es, sich in Deutschland anzupassen, hier ein ordentliches Leben zusammen mit den Menschen um ihn herum zu führen, schon der Koran schreibe ja vor, Harmonie mit den Nachbarn zu suchen, egal woher oder welcher religiösen Zugehörigkeit. Zwar habe Allah der Allmächtige dem Menschen den freien Willen gegeben, und so könne es passieren, dass Menschen Fehler machen und Sünden begehen, doch im Bemühen um Unterstützung der Bedürftigen liege das Gute und winke die Belohnung, wie in der Geschichte einer Prostituierten, welche ins Paradies gekommen sei, weil sie einen verdurstenden Hund rettete, indem sie ihm mit dem eigenen Schuh Wasser geschöpft habe.

 

Dann wird es haarig. Denn nun kommen die Fragen aus der Gruppe. Wie finanziert sich die Moschee. Wieso gibt es verschiedene Auslegungen des Islam, wo kann man nachlesen, was die eine richtige Auslegung ist. Wie stehen die Kurden zu den Türken in Hagen, bzw. umgekehrt. Wird hier auch Deutschunterricht gegeben. Welches Verhältnis habt Ihr zur PKK. Was ist mit Öcalan, hat der Macht und Einfluss in Hagen. Was sagt Ihr zum Salafismus. Je länger diese Befragung durch einige Teilnehmer unserer Gruppe dauert, desto mehr winden sich andere Teilnehmer der Gruppe peinlich berührt auf dem Teppich. Unser Gastgeber beantwortet alle Fragen höflich, bis in finanzielle Details hinein, bis in die historische Bedeutung des Begriffs Salafismus, bis in schmerzliche Erinnerungen an schlimme Zeiten für die eigenen Familien, gekrönt mit den versöhnlichen Worten, dass jemand mit Hass im Herzen den Islam nicht verstanden habe, und man hier und jetzt für ein friedliches Zusammenleben einstehe. Ich frage mich, genügt dies nun endlich? Aber nein. An diesem Ort, in dieser Moschee, sind wir zu Gast, doch nicht in der Lage, unsere Gastgeber zu respektieren. Reflexhaft wird in den Fragen Islam und Terrorismus gleichgesetzt, und das im Angesicht einer Person, die gerade zu diesen Dingen ausführlichst Stellung nahm. Dazu noch ein despektierlicher Kommentar zu den aktuellen Angriffen der Türkei auf kurdische Stellungen. Sich als Muslim vom Terrorismus immer wieder und wieder zu distanzieren zu müssen, sich immer wieder erklären zu müssen, scheint unumgänglich zu sein – doch offenkundig haben selbst dann die Verallgemeinerungen kein Ende.

Unwohlsein und Beschämung, es treibt mich, wenigstens einem der jungen Männer mein Bedauern auszudrücken – er hingegen bedankt sich nochmals ausführlich, für unseren Besuch und unsere Zeit, aber auch dafür, in Deutschland sein zu können, hier ein Leben zu führen, das ihm andernorts nicht möglich gewesen wäre, er dankt mir für die Freundlichkeit der Deutschen, die ihn hier positiv aufgenommen haben. Und so geht es weiter: wieder auf der Straße, beim Fotografieren eines Plakatrests, sprechen mich plötzlich zwei Frauen an, Babywagen und schwarze Kopftücher, lange Mäntel, offener Blick, ob wir gerade in der kurdischen Gemeinde gewesen seien? Hätten sie das richtig gesehen? Ja? Eine Touristengruppe? Ah Volkshochschule, und wie fanden wir es dort? Gut? Interessant? Ach wie schön, da freuten sie sich jetzt aber sehr, dass es uns gefallen habe, wie wunderbar, dass wir dort gewesen sind, einen schönen Tag noch, und alles Gute.

 

Im „Rockstanbul“ in der Straße „Am Hauptbahnhof“ dann der krasse Szenenwechsel: Yasar Kavak, Besitzer der Shisha Bar im frisch modernisierten Loungestil, präsentiert uns seine Shisha-Pfeifen, vom orientalischen Traditionsmodell bis zur schicken U-Boot-Pfeife. Er spricht über Preise und Tabakqualitäten, mit viel Geschäftsgeist und deutlichen Worten. Es gäbe sehr viele Shisha-Bars, doch um in diesem Metier erfolgreich zu sein, müsse man auf dem Teppich bleiben, und den Laden sauber halten – so gäbe es Bevölkerungsgruppen, die er nicht hereinließe, da er Drogengeschäfte absolut ausschließen wolle. Lieber sei es ihm, die Jugendlichen brächten ihre Eltern mit, damit diese sähen, dass sie keine Befürchtungen zu haben brauchen. Auf die Frage, warum ständig neue Shisha Bars eröffnen, erklärt er, dass diese Bars oft ein Unternehmen von Geschäftsleuten seien, die schon Kioske oder anderen Einrichtungen betreiben, schließlich sei es sehr vernünftig, mehrere Standbeine zu haben. Yasar Kavak widersprach auch meinem Eindruck nicht, dass Shisha-Bars für viele Jugendliche Treffpunkte sind, an denen sie nicht fürchten müssen, wegen familiärer Wurzeln z.B. in der Türkei scheel angeguckt oder ausgeschlossen zu werden – die Shisha Bars füllen die Lücke, die durch alltägliche Diskriminierung der Jugendlichen an anderen Orten entstanden ist.

 

Dabei gibt es im „Rockstanbul“ einen Stammgast, über den sich Yasar Kavak ganz besonders freut: eine über 70 Jahre alte Dame ohne jeglichen Migrationshintergrund, die in seiner Shisha-Lounge zwischen den Jugendlichen in schöner Regelmäßigkeit mit großem Vergnügen ein Pfeifchen pafft. Und während die ganze Gruppe langsam in Wolken aromatischen Mangodufts versinkt, entdecke ich plötzlich durch das Fenster des „Rockstanbul“ die bunt bemalte Brücke, mit der alles angefangen hat. Vielleicht entstehen die Brücken, die Orte der Begegnung und des selbstverständlichen Miteinanders, ja doch – nur nicht immer da, wo wir sie erwartet haben.

Blick auf die Brücke

Blick auf die Brücke

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  1. Gedanken zur „Weltreise in Altenhagen“
    Ich habe diese Führung in diesem Jahr erstmalig durchgeführt und frage mich natürlich auch, ob es eine vernünftige Begründung dafür gibt. Hier ein paar Gedanken dazu:
    Was wir „mit der Muttermilch aufgesogen“ haben – unsere Sprache, Sitten und Gebräuche, Fami­lienstrukturen, manchmal auch die Religion und sicherlich die Festtage – ist ein Teil von uns, gehört zur Identität jedes Einzelnen und der Gesellschaft. Es schafft ein Zusammengehörigkeits­gefühl und beim Einzelnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
    Aber es kann auch zum Vorwand für Abgrenzung und Feindseligkeit werden, wenn wir uns Zuwan­derern gegenübersehen, die aus anderen Ländern und Gesellschaften andere Sprachen, Gewohn­heiten und religiös begründete Verhaltensweisen mitgebracht haben und über Generationen daran festhalten. Familien aus der Türkei, Italien oder Marokko etc. sind oft schon in der 3. Generation hier, halten an der mitgebrachten Kultur fest und werden oft noch als Fremde betrachtet und beargwöhnt; viele wollen in den Zuwan­derern die Quelle so manchen Übels sehen.
    Bei der „Weltreise“ in Altenhagen haben Alteingesessene die Möglichkeit, Menschen aus zugewan­derten Familien kennenzulernen. Wer mit konkreten Menschen aus dieser Gruppe zusammen­kommt, wird schnell erkennen, dass nichts Aggressives oder Beunruhigendes von ihnen ausgeht. Diejenigen, die bereit sind, unsere Gruppe zu treffen, wollen genau das vermitteln und von uns als Mitbürger akzeptiert werden, obwohl (oder gerade weil) sie natürlich die Vorbehalte kennen und täglich erleben. Das vermitteln die Ladenbesitzer mit ihrem freundlichen Lächeln und der Erklärung ihres Angebotes, aber auch die Mitglieder der Moschee. Dem jungen Maschinenbaustudenten, der uns im Bunker empfangen hat, war die Feststellung überaus wichtig, dass der Islam eine Friedensre­ligion sei und dass andere Interpretationen des Korans falsch seien. Seine Aussage, man müsse bei bestimmten Stellen des Korans die Situation berücksichtigen, in der sie entstanden seien, kam einer historisch – kritischen „europäischen“ Koranrezeption sehr nahe. Dass auch noch ein kleiner Imbiss für uns vorbereitet worden war, zeigte nochmals das Bestreben nach gutnachbarschaftlichen, har­monischen Beziehungen.
    Ich glaube, dass fast alle, die die Führung mitgemacht haben, genau diesen Eindruck mitgenommen haben. Bei den meisten dürfte eine solche freundliche Kontaktaufnahme auch das Motiv gewesen sein, an der „Weltreise“ teilzunehmen, nicht nur über Zuwanderer zu reden, sondern mit ihnen. Selbst die, die hartnäckig nach Salafisten und Dschihad gefragt haben, sind vielleicht etwas milder gestimmt nach Hause gegangen. Der Vortragende in der Moschee war offensichtlich auf so etwas eingestellt und hat die Situation meiner Meinung nach souverän und mit viel Geduld gemeistert. Andere Fragen fand ich auch interessant; z.B. ist es doch bedenkenswert, dass muslimische Ge­meinden sich aus den Spenden ihrer Mitglieder finanzieren. In Frankreich und anderen christlichen Ländern ist das übrigens auch so; vielleicht sollten wir Deutschen eher einmal unser System der Kirchensteuer auf den Prüfstand stellen…
    Ein Dialog mit unseren Mitbürgern „mit Migrationshintergrund“ müsste eigentlich viel intensiver, selbstverständlicher und unkomplizierter stattfinden, nicht nur als Islamkonferenz oder, im Kleinen, als „Weltreise Altenhagen“. Aber vielleicht sind solche Veranstaltungen doch kleine Schritte in eine notwendige Richtung.

    • Lieber Herr Möller, herzlichen Dank für Ihren Kommentar, sehr spannend zu lesen, was Ihre Motivation dabei ist, und wie Sie speziell diesen Rundgang und die Situation in der Moschee wahrgenommen haben. Ich finde es toll, dass Sie ein solches Angebot in Hagen ermöglichen, und in Ihrer Rolle als Vermittler zwischen den Besuchergruppen und ihren Gastgebern mit soviel Freundlichkeit vorangehen. Dabei finde ich es auch sinnvoll, auf einer abstrakteren Ebene darüber nachzudenken, welche Vermittlungsformen welche Strukturen stärken, und mittels welcher Form ein Abbau von Vorurteilen und Unsicherheiten tatsächlich ermöglicht werden kann.
      Beim Rundgang durch Altenhagen ist der Teilnehmer geschützt und weitgehend angstfrei in einer Gruppe unterwegs, und man kann sich auf Sie als Leiter und Moderator verlassen. Bei dem Stadtteilrundgang „Crashtest Nordstadt“ des Theaters Dortmund war der Rundgang in Kleingruppe so angelegt, dass der Teilnehmer systematisch verunsichert und mit Situationen konfrontiert wurde, in denen die impliziten Regeln und Mechanismen des Alltagswissens nicht mehr funktionierten – er war auf die Hilfe Dritter angewiesen, die ihn und seine Leistungskraft beurteilten – eine Situation, die der neu angekommener Migranten in gewissen Punkten ähneln mag. Beide Rundgänge haben zum Ziel, Empathie zu wecken und Vorurteile abzubauen – der eine geschützt, der andere konfrontativ. Einmal ist man allein schon zahlenmäßig in der Mehrheit und sicher, das andere Mal in der Minderheit und fühlt sich wie im freien Fall. Beim Altenhagener Rundgang braucht es m.E. einen zweiten Besuch an den Orten, ohne Begleitung, um eine wirklich eigene Erfahrung zu machen. In Dortmund war schon der Rundgang selbst ein existentielles Erlebnis. Aber: während in Dortmund mit hohem Aufwand Ausnahmesituationen kreiert wurden, kann man den Altenhagener Rundgang regelmäßig wiederholen, und so vielen Menschen einen Einstieg ermöglichen. Äpfel und Birnen, aber der Vergleich ist trotzdem erhellend, denn in Hagen bleibt der Teilnehmer soziologisch mit Gisela Bleibtreu-Ehrenberg gesprochen in der „in-group“, der auf die „out-group“ trifft, während er in Dortmund aus seinem gewohnten Status als Vertreter der Mehrheitsgesellschaft herausfällt und sich plötzlich in der Minderheitenposition wiederfindet. Herrschende Strukturen des „in“ und „out“ überhaupt erstmal für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft wahrnehmbar zu machen, halte ich für einen existentiellen Schritt – sie dann noch zu verändern, für den notwendigen nächsten. 🙂
      Laut Gisela Bleibtreu-Ehrenberg tragen aber beide Angebote nicht zum Abbau von Vorurteilen bei: es helfe das Kennenlernen und persönliche Nähe nicht gegen Vorurteile, sondern nur das rationale Argument und die sachliche Aufklärung, sowie das Stärken der positiven Identität und der sozialen Vernetztheit der Menschen die der „out-group“ zugerechnet würden, und vor allem das Vermitteln gemeinsamer, verbindender Ziele zwischen „in-group“, und „out-group“.
      Ich meine, es braucht eine Menge unterschiedliche Vermittlungsformen und Aktionen zur gleichen Zeit, und eine andauernde Reflexion ihrer Wirkungen. Ich nehme aus diesen Erfahrungen und Diskussionen eines mit: es wäre an der Zeit, in Hagen Projekte zu entwickeln, bei denen die Grenzen zwischen „in“ und „out“ in Fluss kommen, und bei denen die gemeinsamen Ziele aller in dieser Stadt auch als gemeinsame Ziele benannt werden.

  2. Liebe Melanie,

    ach, blogge doch bitte wieder öfter. Ich fand deinen Beitrag so gut! Hab ihn erst jetzt lesen können. Aber wozu gibt es denn Lesezeichen 🙂

    Deine Erfahrungen kann ich sehr gut nachvollziehen. In Köln habe ich auch schon auf verschiedenen Touren mit unterschiedlichen Communities gemacht. Und immer sehr viel Offenheit erlebt.

    Und ja, auch dieses peinlich berührt sein, das kenne ich auch. Wenn man so tourimäßig und ausfragetechnisch rüberkommt. Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass es einfach sehr geschätzt wird, wenn man viel fragt. Sonst entsteht gerne auch mal so eine peinliche Stille…

    Also, ich freue mich auf weitere Bereichte aus Hagen, von deinem Job, deinen Begegnungen. Und den Austausch mit dir.

    Herzliche Grüße von Anke

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