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Kate can haz audience luv
Kate can haz audience luv

Was mache ich hier, und warum? Ein persönlicher Rückblick auf die re:publica 2013

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Endlich habe ich den Ausdruck Netzgemeinde verstanden. Netzgemeinde heißt das hier, weil man so einige Predigten zu ertragen hat, Sascha Lobo, der Herr Dueck, 10 Vorschläge um die Welt zu verbessern, Videos von vermeintlich vergewaltigen Frauen auf Bühne 5 und der #Aufschrei auf Bühne 1, getanzte Erdbeben in connection with earth und lange Schlangen vorm Kaffeestand. Ertragen. Sich aussetzen. Aushalten.

Club-Mate rocks hard

Meine eigene, ganz persönliche re:publica 2013 war vor allem erst einmal ein Ort, dessen Konventionen in krassem Gegensatz standen zu dem, was ich von meinem Alltag her kenne, also von Museumskonferenzen, Museumstagungen, Museumsmonologen.

Da ist es ruhig, geordnet, und  Bewegungen laufen in den dafür vorgesehenen Bahnen. Das ist auf der re:publica anders. Ich schwör, wenn ich das nächste Mal eine Flasche Club-Mate auf Betonboden umfalle höre, weil wieder jemand mitten im Vortrag aufsteht, mit seiner Laptoptasche um sich kegelt und am Stuhlbein stolpert, brülle ich laut „Nieder mit der Drosselkom! Mehr Netzfreiheit!“ Das nennt sich Konditionierung 😉

Social ways

3 Tage re:publica sind da schon sehr wirksam. Rein- und Rausgehen während laufender Vorträge, laut scheppernde Metalltüren alle vier Minuten, das kann man für unhöflich halten, und das wäre es auch in der monologischen Welt der Museen. Doch auf der re.publica mit ihren mehr als 300 SprecherInnen und den ca. 5.000 BesucherInnen ist ein stetiger Strom im Hintergrund, klebt vielen der Laptop auf dem Schoß und das Handy vorm Gesicht. Aber: mittels dieser Medien wird oft die Botschaft des Sprechenden in die Welt hinausgetragen und damit immens verstärkt. Und: wenn nach einem Vortrag jemand im Publikum aufsteht und eine Frage stellt, oder auch einzelne Teile des Vortrags kritisiert, beginnt dieser Wortbeitrag aus dem Publikum immer mit einem Dank an den Sprecher bzw. die Sprecherin, deren Vortrag man gerade gelauscht hat. Das finde ich wunderschön. Das finde ich sehr respektvoll. Das finde ich genau richtig. Ich will das mitnehmen von der re:publica. In Museumskreisen nennt man, sollte man es denn überhaupt wagen, aufzustehen und seine Meinung zu sagen, bitte erst einmal den eigenen Namen, die berufliche Position  und das Haus, in dem man arbeitet. Schließlich müssen die Zuhörenden ja wissen, wie das Gesagte eingeordnet werden muss. Ich will stattdessen zukünftig der Person, die durch ihren Vortrag mich und alle anderen auf der Konferenz bereichert, einfach erst einmal persönlich danken. Das ist so einfach, nur ein paar Worte, aber es erzeugt eine andere Ebene von Kommunikation, welche die Arbeit der Einzelnen stärker wertschätzt, ob man nun die dargestellte Meinung teilt oder nicht.

To meme or not do meme

Der hochgeschätzte Frank Tentler schrieb, apologetisch angesichts eines recht harschen Kommentars zur re:publica irgendwo im Internet, dass man ja nicht wegen der Redebeiträge auf die re:publica fahre, sondern wegens des „Flauschens“, also um das Zusammentreffen mit all den Menschen zu feiern, mit den man über social media oder Platformen im Netz in Kontakt steht. „Anfängern“ würde für dieses Erlebnis die „Flauschgruppe“, das soziale Netz fehlen. Ich empfinde diese Welt von Social Media, Bloggen und Internetaktivismus tatsächlich als unverbindlich freundlich und oft eher an geschäftlichen denn als tiefer gehenden Kontakten interessiert. Zugleich nehme ich ein ganz starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft wahr, sei es das gemeinsame Pflegen von ritualisierten Handlungen (wie das Verbreiten oder Verdammen von lolcatMemes u.ä.), sei es das mehr oder weniger liebevolle Abarbeiten an öffentlich gewordenen Personen (Sascha Lobo oder der Taubenvergrämer), oder das gepflegte Zergen an Feindbildern (Drosselkom, FDP, Zensursula). Diese Rituale dienen der Rudelbildung, haben aber zugleich eine Scharnierfunktion, die dem Neuling den Einstieg in Sprachformen und gängige Verhaltensweise ermöglichen. Der lolcat-Vortrag von Kate Miltner zeigte sehr schön, wie verschiedene Nutzergruppen das gleiche Meme zur Gruppenbildung nutzen.

We are one

In der Summe fand ich die meisten der Redebeiträge sehr beeindruckend. Eine Tagung dieser Größe mit einem Beitrag über technologische Innovation in Afrika zu beginnen, war grandios: um diesen Blickwinkel zu erreichen, wird der Rest Deutschlands gefühlt leider noch mindestens zehn Jahre brauchen. Internetzensur im Iran, die Rolle sozialer Medien in Ägypten, muslimische Blogger: Die Perspektiven waren sehr weit gefasst. Die Anerkennung auf Augenhöhe für Initiativen in anderen Weltteilen, die positive Gewichtung feministischer Themen, die Selbstverständlichkeit, mit der Aktivismus gefordert und gefeatured wurde: toll. Auch nur die Hälfte dieser aufklärerischen Energie würde ich mir für die deutsche Kulturszene wünschen.

Was gibt’s zu lernen für Kulturschaffende?

  1. Beteilige das Publikum! Partizipation geht auch in einem Saal mit mehreren hundert Menschen. Man kann zum Beispiel durch Klatschen über Katzenbilder abstimmen.
  2. Lade Menschen aus anderen Teilen der Welt und mit ungewohnten Fragestellungen ein! Multiperspektivität entsteht dann, wenn man den Mut hat, vermeintlich abseitige Phänomene ins Zentrum zu rücken.
  3. Vertrau auf Freaks! Konferenzen dürfen Spaß machen.
  4. Gestalte die Kommunikation! Man kann für über 5000 Menschen eine persönliche Ansprache und verbindende Motive finden.
  5. Gib Raum für Kritik! Nur so können Inhalte und Veranstaltungen weiter entwickelt werden.
  6. Sing social! Rituale ermöglichen gemeinsame Erlebnisse und geben der Veranstaltung emotionale Kontur.

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