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Unter der Maske. Einige Gedanken zur Tagung „Occupy Museum? Partizipative Museumsarbeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ in Wolfenbüttel

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„Occupy Museum?“- Schlagworte sind was Feines. Bei diesem Tagungstitel war jedenfalls klar, dass die Veranstalter sich meiner Aufmerksamkeit sicher sein konnten… Um das Fazit vorweg zu nehmen: ein revolutionärer Geist wehte nicht durch die Hallen, und damit hatte wohl auch niemand ernsthaft gerechnet. Aber gut gewählte Praxisbeispiele und die Erkenntnis, wie weit das Verständnis und das Interesse an Partizipation bei verschiedenen Institutionen bzw. Kulturschaffenden tatsächlich auseinander liegen, machten die drei Tage sehr aufschlussreich.

Ungefähr 120 Teilnehmende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fanden für die Tagung vom 25. – 27. April 2013 in Wolfenbüttel zusammen. Veranstalter waren die Bundesakademie für Kulturelle Bildung, der Bundesverband freiberuflicher Kulturwissenschaftler e.V., und die Bundeszentrale für politische Bildung. Und so begann Dr. Andreas Grünewald-Steiger von der Bundesakademie für Kulturelle Bildung die Tagung mit einer Guy Fawkes-Maske in der Hand und der These, dass der letzte wirklich radikale Moment im Museum auf das Jahr 1793 zurückzudatieren sei – als im Zuge der französischen Revolution die Sammlungen des Louvre dem Volk zugänglich gemacht wurden. 

Museum: Wühltisch oder Bühne?

Und was tut heutzutage ein Museumsmensch, der eine Guy Fawkes Maske sieht? Er fordert, dass man diese Maske, als sprechendes Bild der  „Anonymous“  AktivistInnen und Symbol der  occupy Bewegung, als zeitgenössisches Artefakt unbedingt in die Sammlung eines Museums aufnehmen müßte. Und so richtig und wichtig das ist,1, so sehr ist es auch Symptom des Grabens, der die Diskussion auf der Tagung prägte: auf der einen Seite die Liebe zum Gegenstand, zum dreidimensionalen Original, die das Herz der Museumspraxis bildet, gern einhergehend mit dem Pochen auf eine Wissenschaftlichkeit und „Wahrhaftigkeit“ des Museums, also eine vermeintliche „Objektivität“ der Darstellung, die noch immer zur Legitimation der musealen Tätigkeit herangezogn wird. Auf der anderen Seite die Liebe zum Prozesshaften, die Neugier auf den Besucher und die Besucherin, der Wunsch, das Museum zu erweitern zu einem Ort, an dem alle, die dorthin kommen, Inhalt und Form der Interaktion mitbestimmen können. Auf der einen Seite Aussagen wie „Das Museum ist kein Wühltisch. Es soll sich nicht jeder einfach etwas aussuchen können, was ihm gefällt.“ Auf der anderen Seite der Gedanke des Museums als Bühne: „Man muss es zulassen können, dass Andere sich im Museum selbst darstellen, auch wenn wir mal nicht der gleichen Meinung sind.“

Wieso eigentlich muß sich das widersprechen? Wäre es wirklich zu viel verlangt von den Besucherinnen und Besuchern, es auszuhalten und zu verstehen, dass innerhalb einer Institution sowohl partizipative wie auch „klassisch-monologische“ Räume geben kann? Haben wir so viel Angst, unsere Machtstellung als auktoriale ErzählerInnen „historischer Wahrheiten“ zu verlassen?

Partizipation als Chance

Ich habe es vermisst, dass die Chancen und Freuden und Bereicherungen, die partizipative Prozesse für Institutionen bedeuten, angemessen zur Sprache gekommen wären. Dass Projekte, die die aktive Teilnahme z.B. von Menschen aus dem Stadtteil einbeziehen, einen frischen Wind in die Institution bringen, dass über partizipative Prozesse auch eine größere Identifikation der eigenen Mitarbeiter verschiedener Bereiche mit der Institution erreicht werden kann, dass sich eine Institution mit ihrer Hilfe aus der selbstverschuldeten Isolation herausbewegen und auf der inneren Landkarte von mehr Menschen in der eigenen Stadt verorten kann, diese Phänomene haben uns viele GesprächspartnerInnen während unseres Forschungsprojekts beschrieben. In Wolfenbüttel kam stattdessen die Sprache wiederholt darauf, „wie man die Leute dann wieder loswird“, wenn sie zum Beispiel aus dem Gefühl heraus, einem Museum bei einem Projekt geholfen zu haben, nun ihrerseits Hilfe von dem Museum einfordern, sei es beim Ausfüllen von Anträgen, in sozialen Notlagen, oder in anderen persönlichen Angelegenheiten. 

Partizipation: Drei praktische Beispiele

Zu kurz gekommen ist die Frage nach dem Nutzen partizipativer Prozesse für die Institution wohl auch, weil immer erstmal nach dem „Wie“ von partizipativen Prozessen gefragt wird. Für Detlef Vögeli, der im Team des Stapferhauses in Lenzburg in der Schweiz äußerst spannende Ausstellungen realisiert,  stellt sich die Frage nach einem Lernen einer historisch gewachsenen Institution durch partizipative Prozesse nicht mit der gleichen Dringlichkeit, aus mehreren Gründen: weil die Institution erst seit den 1990er Jahren als Ausstellungshaus fungiert, weil das Team aus Geisteswissenschaftlern mit einem journalistischen Fokus besteht, offenkundig eher jung und „fresh“ am Puls der Zeit agiert, und vor allem, weil sie explizit den Auftrag haben, das zu tun, was sie tun, nämlich den Besucher zum Denken zu bringen. Das eher traditionell aufgestellte Museum gibt sich hingegen meist einen „Bildungsaufrag“, und versteht darunter womöglich eher „belehren“ als „aktivieren“.

Ein Haus mit langer Geschichte, welches nun schon erfolgreich das dritte partizipativ angelegte Projekt angeht, das Historische Museum Frankfurt, kam viel zu kurz; leider wurde viel zu wenig Zeit dafür eingeräumt, die Erfahrungen von Katja Weber u.a. bei der Ausstellung zum Frankfurter Ostend zu diskutieren und ihre Arbeit umfassend kennen zu lernen. Immerhin blieb die Erkenntnis, dass es funktionierende partizipative Ausstellungsprojekte in Deutschland sehr wohl gibt, und dass es bei Ausstellungen, die auf den Beiträgen von z.B. StadtteilbewohnerInnen basieren, sehr sinnvoll sein kann, einen professionellen Szenographen bzw. Szenographin mit ins Boot zu holen.

Erhellend waren auch die Schilderungen von Martin Düspohl aus dem Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg. Nicht nur, weil dieses Haus, anfangs schon allein aus Mangel an eigenen Exponaten, von Beginn an auf Partizipation gesetzt hat. Sondern auch, weil Martin Düspohl mit einer Kategorisierung partizipativer Prozesse nach Carmen Mörsch2 die Diskussion theoretisch unterfütterte, und zugleich bei der Schilderung eigener Ausstellungsprojekte Mißerfolge und Fragliches nicht verschwieg – was leider bei öffentlichen Gesprächen viel zu selten passiert. Er brachte auch das einzig wirklich zutreffende Fallbeispiel einer „Museumsokkupierung“ mit, eines occupy-Vorgangs, bei dem Besucherinnen und Besucher eine bestehende Ausstellung aus eigenem Antrieb und nach ihren eigenen Interessen umnutzten – so wurde die Ausstellung „Zeit der Tinte“ im Jahr 1998, welche osmanische Kalligraphie als Kunst zeigte, von über einer Vielzahl von Koranschulen dazu genutzt, mit Jugendlichen nicht aus Kunstinteresse, sondern aus einer religiösen Motivation heraus vor Ort die dargestellten Korantexte und Suren zu studieren. Ein anderes Beispiel für solche Art von „Okkupation“ bzw. eigenmotivierter Aneignung sind die christlich-freireligiösen Gruppen, die Orte nutzen, welche mit Martin Luther verbunden sind.

„Der implizite Betrachter“

Kaum angeklungen ist die Frage, wie durch Ausstellungen BesucherInnen entworfen werden – welche Bild wir vom „idealen Betrachter“ haben, fängt mit der Beschilderung an und hört mit der Sprache in Drucksachen oder Formaten der Museumspädagogik noch längst nicht auf. Im Alltagsgeschäft fällt es uns MuseumsmacherInnen nicht auf, doch in allen Ebenen unserer „Kundenansprache“ schwingen Vorannahmen über die Empfänger und Empfängerinnen unserer Botschaften mit – was den Besuch für Menschen erschwert, die in diese Schemata nicht hineinpassen bzw. nicht hineinpassen wollen. Um so stärker gilt dies für Ausstellungen, die den BesucherInnen mehrere Wege, Lesarten oder Räume zur Interaktion anbieten – denn auch diese Räume sind durch die AusstellungsmacherInnen vorkonfektioniert.

Bei der Tagung wurde nur einmal kurz aus dem Publikum diese Frage angesprochen, obwohl sie meiner Meinung nach eine ganz grundlegende Problematik darstellt, nämlich die „Pseudopartizipation“ 3 in Ausstellungsdesigns, welche den BesucherInnen durch ihre unausgesprochenen Vorgaben letztendlich auch nur wieder eine Zurichtung auf konforme Verhaltensformen anbietet. Wollen wir Nora Sternfelds4  Diktum ernst nehmen, dass es bei Partizipation nicht darum geht, zu spielen, sondern die gesellschaftlichen Spielregeln zur Diskussion zu stellen, können wir genau an diesem Punkt anfangen, über unsere eigene Museumspraxis nachzudenken.

 

 

 

  1. Siehe die Initiative des Historischen Museums Frankfurt, und eine kritische Sicht von Swantje Karich (F.A.Z.) hier []
  2. 1. Affirmative Funktion: “übernimmt die Aufgabe, das Museum und seine Tätigkeiten wie Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen nach aussen zu vertreten und seine Inhalte zu kommunizieren. (…)”

    2. Reproduktive Funktion: “wendet sich mit niederschwelligen Angeboten stärker an (…) ein Publikum, das nicht von vorneherein zur Gruppe der klassischen MuseumsbesucherInnen gehört. (…)”

    3. Dekonstruktive Funktion: versteht das Museum als Institution, “die Vorstellungen und Geschichten nicht nur zeigt, sondern auch konstruiert.”

    4. Transformative Funktion: sieht das Museum inmitten gesellschaftlicher und politischer Prozesse, das so zum gesellschaftlichen Protagonisten wird. “Vermittlung fndet statt in von den TeilnehmerInnen selbstbestimmten Projekten, die Einfuss auf die Institution nehmen (können). Die Beziehung zwischen Museum und Öffentlichkeit wird hinterfragt und umgekehrt.” (“während es bei rezeptiven, interaktiven und partizipativen Formaten stets einen hierarchischen Bezug auf die durch die Vermittlung repräsentierte Institution gibt, ermöglicht kollaborative Vermittlung dem Publikum eine Position, die auch ausserhalb der institutionellen Vorgaben bestehen könnte”.  Carmen Mörsch: (Hg.): Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12, zitiert nach Christian Henner-Fehr []

  3. Oder auch „Empowerment-lite“, wie es Bernadette Lynch beschrieb, vgl. Bernadette Lynch 2011:  Whose cake is it anyway? A collaborative investigation into engagement and participation in 12 museums and galleries in the UK, Paul Hamlyn Foundation []
  4. Nach Nora Sternfeld ist Partizipation nicht das Spielen, sondern die Öffnung für die Frage nach den Spielregeln selbst, vgl. Nora Sternfeld: Das Unbehagen im Museum, postkoloniale Museologien, Wien 2009 (mit Belinda Kazeem und Charlotte Martinz-Turek) []

9 Kommentare

  1. Pingback: ocuppy museum? « Blog des Historischen Museums Frankfurt

  2. Klasse, Melanie,
    du hast genau die richtigen wichtigen Aspekte getroffen vor allem sprachlich sehr pointiert beschrieben. Ich danke dir dafür. Man kann es nicht genug betonen: es geht um den Dialog, das Hinhören, das Geben und Ernstnehmen. Um die richtige Sprache. Und – das mag vielleicht wehtun – um das Verlassen der „Deutungshoheiten“. Auch wenn es noch ein langer Weg ist, der Diskurs darüber ist so unglaublich wichtig!
    Dranbleiben 🙂
    Herzliche Grüße von Anke

    • Liebe Anke, Dein Zuspruch bedeutet mir viel, dankeschön. Auch heute bei der MAI-Tagung in Bonn wurde das Thema Partizipation wieder gestreift – es ist und bleibt wichtig, nicht nur als aktuelle Form praktischer Arbeit im Museum, sondern auch als Ankerpunkt für eine grundsätzliche Verständigung über Sinn und Zweck von Museen. Schade dass Du in Bonn nicht dabei bist, aber die nächste Gelegenheit kommt bestimmt! Herliche Grüße zurück…

  3. Danke Melanie für das prägnante und kritische Resümee der Tagung in Wolfenbüttel – ich bin bei allem dabei. Gefehlt hat mir auch die Auseinandersetzung mit den neuen Wissensformen, die partizipative Arbeit in Ausstellungen erzeugt. Es geht hier schließlich um mehr als um das (Mit-)teilen von Erfahrungs- und Orientierungswissen der Teilnehmenden. Darüber denke ich weiter nach… Grüße an dich von meinem Weg nach Paris!

    • Hallo Katja, ich habe mich über Deinen Kommentar sehr gefreut, und hey, mit „neuen Wissensformen“, die durch partizipative Prozesse entstehen können, hast Du ein spannendes Stichwort gegeben. Ich habe mich gleich mal auf die Suche gemacht und folgende schöne Sätze gefunden: „Neben „Systemwissen“ gewinnt „Zielwissen“ und kontextspezifisches „Transformationswissen“ an Bedeutung. Ein solches „transdisziplinäres“ Wissen lässt sich nicht mehr allein im wissenschaftlichen Elfenbeinturm erzeugen. Es erfordert die enge Einbeziehung der Akteure, die Veränderungsprozesse mitgestalten.“ (http://nachhaltigewissenschaft.blog.de/2012/07/20/beteiligung-organisierten-zivilgesellschaft-wissenschaftsprozess-neue-anforderung-wissenschaftsmanagement-14501809/) In der Umweltpolitik wird augenscheinlich zu diesen Fragen gearbeitet, das werde ich weiter verfolgen. Vielen Dank für den Hinweis, und ich bin gespannt auf Deine Gedanken dazu.
      Dir viel Spaß in Paris, genieß diese tolle Stadt, und alles Gute für Deine weiteren Projekte!

  4. Interessant – vor allem Dein Fokus auf die Partizipation – da ist anscheinend in vielerlei Sparten der K.B. noch gut Platz nach oben 🙂 Mit Partizipation beschäftige ich mich übrigens gerade im sozialräumlichen Kontext und im Zusammenhang mit Ästhetischem Lernen!

    • Liebe Meike, vielen Dank für Deinen Kommentar. Platz nach oben gibt es definitiv, deswegen finde ich es auch so wichtig, dass die Beispiele und Erfahrungen, die es schon gibt, breit diskutiert werden. Über Partizipation in sozialräumlichem Kontext und im Bereich Ästhetisches Lernen würde ich gern mehr erfahren, vielleicht läßt Du uns ja mal teilhaben an Deinen Ideen und Lesefrüchten. Jedenfalls wünsche ich Dir viel Erfolg und Vergnügen bei diesem spannenden Thema.

    • Hallo Meike,

      Partizipation im sozialräumlichen Kontext hört sich interessant an. Kannst Du mir mehr darüber erzählen?

      Liebe Grüße,
      Julia

      • (Juhu, ich bekomme die Maske wirklich 🙂 )

        Liebe Julia,
        schön, dass Du dich interessierst!
        Ich hab Literaturtipps in Hülle und Fülle und arbeite grade mit W. Z. an der Veröffentlichung – aktueller Untertitel:
        Kulturelle Bildung lokal, temporär und stationär: Inszenierungen, Interaktionen, Interventionen, performativ und partizipativ vor Ort
        (End)Redaktion ist am Frauensee, da bist Du doch auch dabei?!
        Zum Korrekturlesen seid ihr beide herzlichst eingeladen, spezielle Anfragen davor: gerne an meine Mailadresse!
        Bis bald und viele Grüße 🙂
        Meike

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