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Lektionen in Menschlichkeit – Impulse aus Museen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid

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Aufmerksam schaut der Fuchs mich an, eine Pfote erhoben. Über dem Stoppelfeld hinter ihm geht gerade die Sonne unter – die Zeit steht still, ich kann meinen eigenen Atem hören… Als Kind habe ich Dioramen geliebt, diese großen Museumsvitrinen mit ausgestopften Tieren in nachgebauten Landschaften, die an der Rückwand des Schaukastens in dreidimensional wirkende Malereien übergingen. Wieviele Stunden habe ich mich im Untergeschoß des naturhistorischen Museums in Braunschweig herum gedrückt: unwiderstehlich angezogen von diesen immer leicht verstaubt wirkenden Inszenierungen, die wie Walter Benjamins Pariser Passagen etwas der Realität Entrücktes haben – die irreale Zauberkraft einer Märchenerzählung, die die wissenschaftliche Präzision der Präparate subtil unterläuft.

Szenenwechsel. Ein überheizter Raum im Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main. Ich starre auf die Projektion einer Fotografie, die ebenfalls ein Museumsdiorama zeigt. Zu sehen sind mehrere lebensgroße Figuren, die Menschen dunkler Hautfarbe vor einer idealisierten Landschaft darstellen. Eine Gestalt liegt halb unter einem zeltähnlichen Gebilde, im Vordergrund und im Hintergrund scheinen Personen zur Jagd aufzubrechen, die Figuren sind wenig bekleidet und besitzen eine starke körperliche Präsenz.

Die kommt nicht von ungefähr: es sind Abgüsse, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von lebenden Menschen genommen wurden. Das sogenannte “Bushman Diorama“ versammelt detailgenaue Körperabgüsse von Gefangenen und Farmarbeitern, die zu den Bevölkerungsgruppen der San zählten, deren Vorfahren als früheste Bewohner Südafrikas gelten. Ein Modellbauer des South African Museums, James Drury, erstellte die Abgüsse in den Jahren von 1908 bis 1912. Dahinter stand die Absicht, Beispiele eines „reinen rassischen Typs“ zu sammeln (wodurch man vor der Schwierigkeit stand, für diesen erst einmal Definitionskriterien zu erfinden). Ab 1911 wurden die Lebendabgüsse ausgestellt. 1959 wurden Figuren und Landschaftsdarstellung zu dem Diorama zusammengefügt, und ab 1960 im South African Museum in Kapstadt gezeigt.

Für Prof. Dr. Ciraj Rassool von der Fakultät für Geschichte der University of the Western Cape war dieses Diorama der Ausgangspunkt, um in einem Vortrag im Museum der Weltkulturen am 14. Februar 2013 über die Neuorientierung von Museen nach dem Ende der Apartheid in Südafrika zu sprechen. Für mich schließt sich die Frage an, wie sich am Umgang mit diesem Diorama besondere Eigenheiten der Institution Museum nachzeichnen lassen – wie sich seine Formen erneuern lassen, und welche Impulse es dazu braucht.

„Buschmänner“ und andere Tiere

Der Umgang mit diesem Diorama ist ein Lehrstück der Geschichte. Noch in den sechziger Jahren wurden diejenigen Teile der Sammlung, die der kolonialen bzw. der europäischen Geschichte zugeordnet wurden, vom South African Museum abgezogen, und in ein kulturgeschichtliches Museum verbracht. Dort residierten sie nun in exakt jenem Gebäude, das der Niederländischen Ostindien Kompanie als “slave lodge“ gedient hatte. Zurück im South African Museum blieb unser sogenanntes “Bushman Diorama“ – gemeinsam an einem Ort mit Ausstellungen ausgestopfter Vögel und anderer Tiere. Eine „Weiße Kulturgeschichte“ wurde durch ein eigenes Museum entworfen und bestätigt; die ethnologischen Exponate verblieben zusammen mit zoologisch-naturgeschichtlichen Präparaten, sowie der archäologischen Sammlung, im South African Museum.

Kritische Stimmen wiesen darauf hin, dass die San in diesem Umfeld wie ein Teil der Tierwelt wirken mussten, konserviert in einem Bild einer längst vergangenen Lebensweise, und ohne Hinweis auf die aktuelle Situation der San, und die damit verbundenen Konflikte. Auf diese Weise würden rassistische Stereotype mit Museumsmitteln fortgeschrieben. Die Trennung zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten sei nicht nur räumlich durch die zwei Museen gegeben, es werde auch ebenfalls nicht angezeigt, in welchem Verhältnis Kolonisierende und Kolonisierte zueinander gestanden hätten1.

Mit musealen Mitteln gegen die Stereotype

Wer spricht über wen, diese Grundfrage der Repräsentation als Machtverhältnis stellt sich im Museum auf ganz besondere Weise. Und die Frage, die in den meisten Museen in Deutschland nur schwelt, wurde für die Museen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid ein loderndes Feuer: Welche Möglichkeiten gibt es, mit den Mitteln eines Museums stereotype Darstellungen zu durchbrechen, oder zumindest kritisch zu hinterfragen? Die unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen sind auch für die Ausstellungspraxis in Deutschland erhellend.

Drei unterschiedliche Ansätze zur Erneuerung wurden in Auseinandersetzung mit dem Diorama entwickelt:

A) Andere Informationen

B) Andere Bilder

C) Andere Narrative

A) Andere Informationen

Ende der 1980er Jahre wurden neben dem Diorama in einer kleinen Begleitausstellung einige Hinweise zu der Herstellung der Figuren gezeigt. Anhand eines Modells wurde erklärt, wie Abgüsse entstehen, Fotografien dokumentierten ein aktuelles Abguss-Projekt, und es wurde schließlich ein lebensgroßer Körperabguss in der Kleidung eines Farmers des frühens 20. Jahrhunderts gezeigt – also der Art Bekleidung, wie sie der größere Teil der Menschen getragen hat, von denen die Abgüsse genommen worden waren, ganz im Gegensatz zu der Jagd-Bekleidung des 19. Jahrhunderts, welche man den Figuren für das Diorama angezogen hatte.

Leslie Witz, Professor an der University of the Western Cape, schrieb, einige Zeitungsartikel hätten zwar zentrale Fragen der Diskussion um das Diorama aufgegriffen, aber das eigentliche Ziel – nämlich die Besucher*innen auf die Konstruiertheit des Dioramas und des dadurch vermittelten Bildes der San aufmerksam zu machen – sei nicht erreicht worden. Die Betrachter*Innen hätten viel Zeit vor der vermeintlich authentischen Szenerie des Dioramas verbracht und sich darüber ausgetauscht, seien aber an der Begleitausstellung, die sehr text- und fotolastig war, zumeist ohne Aufmerksamkeit vorbeigegangen2.

B) Andere Bilder

Im Jahr 1996 war in der südafrikanischen Nationalgalerie in Kapstadt die Ausstellung “Miscast: Negotiating Khoisan History and Material Culture“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von der Künstlerin und wissenschaftlichen Autorin Pippa Skotnes, die dafür auf Material aus mehreren Archiven und Museumssammlungen zurückgriff. Viele Besucher*Innen und Fachleute verstanden “Miscast“ als Gegenausstellung zum sogenannten “Bushman Diorama“, zumal die Ausstellung dem South African Museum quasi auf der anderen Straßenseite gegenüber lag. Einen zentralen Moment der mehrere Räume umfassenden Ausstellung bildete eine künstlerische Installation aus Bruchstücken und Teilen von Körperabgüssen, welche zur gleichen Zeit wie die im “Bushman Diorama“ gezeigten Abgüsse genommen, aber nicht bemalt und bislang auch nicht gezeigt worden waren. Während die Bruchstücke und Torsi auf niedrigen Podesten am Boden gezeigt wurden, thronte darüber ein zentral aufgestelltes Arrangement von hölzernen Waffen und Fahnen – eine Bildsprache, die vor dem Hintergrund der Apartheid sehr deutlich als Kommentar zu den gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu verstehen war.

Die Abgüsse wurden aus ihrem „gewohnten“ Zusammenhang gerissen, und so als Bausteine der Konstruktion einer wissenschaftlichen Erzählung lesbar. Skotnes arrangierte sie derart, dass sie wie abgerissene Körperteile wahrgenommen werden konnten, was eine hohe emotionale Wirkung hatte. In der Folge fand eine intensive Diskussion statt – manche Fachleute fühlten sich angegriffen und beklagten, dass die Kritik an der etablierten Museumpraxis den Kontext der damaligen Zeit nicht genügend berücksichtige. Ein weiterer Einwand lautete, dass auch bei “Miscast“ die Khoisan zu den „Anderen“ gemacht würden – sie kämen nicht selbst zu Wort, sondern die Kuratorin spräche für sie. Außerdem sei der Blick zu negativ: die positiven Seiten eines nationalen kulturellen Erbes würden nicht gezeigt, die Ausstellung diene auch nicht einem “African Empowerment“. Zeitgleich mit der Ausstellung fand eine Konferenz von Angehörigen der Khoisan-Communities statt, was nicht unwesentlich zu dem starken Medieninteresse beigetragen haben wird3.

C) Andere Narrative

Im Jahr 2001, nach 42 Jahren “on display“, wurde das Khoisan Diorama geschlossen. Verkündet wurde die Schließung von Jack Lohmann, damals gerade seit kurzem im Amt des geschäftsführenden Vorstands der Iziko Museums, also des staatlichen Zusammenschlusses des South African Museums und 14 weiteren Einrichtungen, tätig war. Lohmann begründete den Abbau des Dioramas damit, dass diese Maßnahme ein Teil der Demokratisierung der Institutionen sei, und dass das Diorama „Indigene nicht als Menschen darstelle“4. Die “Bushmen“ würden wie naturgeschichtliche Proben behandelt, weitere Argumente bezüglich rassischer Stereotypisierung und falscher Repräsentation kämen hinzu. Das Diorama solle in der vorliegenden Form archiviert, und die falsch repräsentierten und ausgeschlossenen Communities in einen Beratungsprozess einbezogen werden5. Denn es gab auch Vertreter*Innen der Khoisan communities, welche die Schließung als Verlust ihrer eigenen Geschichte empfanden, und bedauerten.

Heute wird im Erdgeschoss des South African Museum an prominenter Stelle die “Rock Art“ der San im Rahmen einer Dauerausstellung gezeigt. Mit dem “Linton Stone“ und weiteren Exponaten sollen unter dem Titel “The Power of Rock Art“ die spirituelle Energie der Felsmalereien und -ritzungen der frühen Bewohner Südafrikas geehrt und gefeiert werden6. Für die Erarbeitung der ersten Version der Ausstellung, eröffnet im Dezember 2003, wurden Organisationen aus den indigenen Communities zu einem Konsultationsprozess eingeladen7. Der “Linton Stone“ und weitere Fragmente aus bemalten und geritzten Felswänden werden heute im South African Museum hinter einer großen Glaswand gezeigt. Mit Hilfe einer sanften Beleuchtung werden sie innerhalb eines relativ dunklen Raums als wertvolle Artefakte inszeniert und auratisiert, was den Besucher*Innen Gefühle von Ehrfurcht und Rätselhaftigkeit nahelegt8. In Sonderaustellungen zeichnen die Kurator*Innen des Museums nach, wie koloniale Forscher*Innen die Felsmalereien und -ritzungen aufgenommen und interpretiert haben. Die visuell faszinierenden und als wertvoll dargestellten Exponate werden heute eingesetzt dafür, die Komplexität der Kosmologie, des Geschichtbewusstseins und des Wertesystems der frühen San zu dokumentieren.

Lektion gelernt?

Aus den „primitiven“ Jäger*Innen und Sammler*Innen des Dioramas sind magische Künstler*Innen geworden – ein Image ersetzt das Andere. Ich möchte es gern als Fortschritt ansehen, dass die mit Hilfe der “Rock Art“ gesendeten Botschaften den Besucher*Innen einen komplexeren Eindruck der Geschichte der San vermitteln, mehr persönliche Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung mit früheren Lebensumständen der San bieten, und dass die Museumsmitarbeiter*Innen zudem den Blick auch auf den Umgang der Kolonialherren mit den Artefakten richten.

„Menschlichkeit“ hieße dann in diesem Fall, nicht auf konstruierte Klischeebilder einer aus kolonialer Perspektive entworfenen „Vergangenheit“ zurückzugreifen und diese statisch festzuschreiben. „Menschlichkeit“ hieße dann auch, in dem Respekt vor den Exponaten und ihrer Mehrschichtigkeit den Respekt vor den Kulturleistungen der San, und letztendlich auch vor den Besucher*Innen als Rezipient*Innen, auszudrücken und zu fördern. Skeptisch macht mich allerdings die Gefahr, dass der Mythos des „Buschmanns“ als Jäger und Sammler schlichtweg ersetzt wird durch den Mythos des Künstlers und schamanistischen Weltendeuters, also ein u.a. auf Vermarktungsstrategien der Renaissance-Kunst fußendes Konstrukt der sogenannten westlichen Geistesgeschichte herhält, um den Besucher*Innen bekannte Rezeptionsmuster anzubieten. Ich würde mir wünschen, dass das Team des South African Museum den Mut und die Kraft hat, u.a. auch mit den Communities zusammen an einer Vielfalt von Inszenierungsformen und Geschichten zu arbeiten – denn den einen „richtigen“ Blick auf die San kann es nicht geben. Das Museum als Ort des Sehens und Deutens entwickelt dann seine stärkste Kraft, wenn es seine Adressat*Innen in diese Prozesse mit einbezieht.

Neue Inhalte, neue Formen

Ich glaube, die drei Stufen, über die sich die Geschichte des Dioramas nachzeichnen lässt, sind tatsächlich unerläßlich, um innerhalb der Institution Museum zu neuen inhaltlichen Politiken und neuen Repräsentationsformen zu kommen. Auch die Museen in Deutschland, speziell die ethnologischen Museen, sind herausgefordert, herkömmliche Klassifikationen und Darstellungsformen zu überdenken. Mit ergänzenden Informationstäfelchen ist es aber nicht getan, auch wenn diese noch so wohlwollend gemeint sind. Es braucht neue Bilder, und in erster Linie neue Geschichten. Es braucht den Willen zum Dialog, den Willen, aus dem Objekt einen Partner zu machen, und vor allem braucht es eine Abkehr von der Illusion, dass Museen neutral und objektiv erzählen könnten. Ich habe den Eindruck, in Südafrika ist die Frage der Gestaltung von Museen keine rein akademische Frage, sondern wird bis weit in die Bevölkerung hinein diskutiert. Ich freue mich auf die Auseinandersetzungen, die ganz sicher auch in Deutschland noch intensiver werden. Und ich freue mich auf mehr Menschlichkeit im Museum.

 

Vielen Dank an Prof. Dr. Rassool für den mitreißenden Vortrag und an das Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main für die spannende Veranstaltung.

 

 

 

 

  1. 1. Vgl. Katherine Goodnow, Jack Lohman, Jatti Bredekamp: Challenge And Transformation: Museums in Cape Town And Sydney, Paris 2006, S. 55 []
  2. 2.Vgl. Leslie Witz: Transforming Museums on Postapartheid Tourist Routes, In: Museum Frictions, Public Cultures/Global Transformations, herausgegeben von Ivan Karp,Corinne A. Kratz, Lynn Szwaja, Tomas Ybarra-Frausto, 2006, S. 118 []
  3. 3. Zu “Miscast“ vgl. Katherine Goodnow, Jack Lohman, Jatti Bredekamp: Challenge And Transformation: Museums in Cape Town And Sydney, Paris 2006, S. 179ff []
  4. 4. Ciraj Rassool: Ethnographic Elaborations, Indigenious Contestations, and the Cultural Politics of Imagining Community, in: Susan Sleeper-Smith: Contesting Knowledge: Museums and Indigenous Perspectives, Lincoln 2009, S. 111 []
  5. 5. Vgl. http://www.news24.com/xArchive/Archive/Bushman-exhibit-closed-20010403, Abrufdatum 27.3.2013 []
  6. 6. Website des Museums, vgl. http://www.iziko.org.za/static/page/pre-colonial-archaeology/, Abrufdatum 27.2.2013 []
  7. 7. Jatti Bredekamp: Epilogue, in: Katherine Goodnow, Jack Lohman, Jatti Bredekamp: Challenge And Transformation: Museums in Cape Town And Sydney, Paris 2006, S. 215 []
  8. 8. Vgl. Sven Ouzman: Why “Conserve“? Situating Southern African Rock Art in the Here and Now, In: Agnew, N. and Bridgland, J. (HG): Of the Past, for the Future: Integrating Archaeology and Conservation. Proceedings of the Conservation Theme at the 5th World Archaeological Congress, Washington, D.C., 22 – 26 June 2003, Los Angeles 2006, S. 349 []

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