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Interkulturelles Audience Development
Interkulturelles Audience Development

Interkulturelles Audience Development für Kulturinstitutionen oder: Noch ein Buch über Interkultur

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160 Interviews später, nach über 1000 schriftlichen Befragungen, unzähligen Beobachtungen bei Veranstaltungen, einer ganzen Reihe von Programmanalysen, und mehr als einem Jahr ständiger Diskussion kommen wir zu dem Schluss: einfach ist es immer noch nicht. Auf den einzig richtigen Weg sind auch wir nicht getroffen. Aber dafür ist unser Fazit eindeutig und klar: es ist sehr wohl möglich, für Institutionen der sogenannten Hochkultur ein neues Publikum zu gewinnen. Jünger und vielfältiger, mit und ohne Hochschulabschluss, mit und mit fehlendem Migrationshintergrund, subkulturell oder im Mainstream zuhause. Aber nur, wenn die Institutionen bereit sind, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen.

Neues Publikum für alte Institutionen?

Unser Antrieb dafür, „noch ein Buch über Interkultur“ zu schreiben (Link zum Buch), war die Überzeugung, dass wir einen besonderen Blickwinkel beizutragen haben. Für Birgit Mandel und mich als Autorinnen mit kulturwissenschaftlichem Hintergrund setzt die Frage nach Potentialen und Problemen interkultureller Kulturarbeit zuallererst bei der Institution selbst an.

  • Wie definiert ein Theater, ein Museum seine Zielgruppen?
  • Wie gut kennen die MitarbeiterInnen das vorhandene und das angestrebte Publikum?
  • Was heißt „interkulturell arbeiten“ für das Team?
  • Was passiert innerhalb der Institution, wenn durch interkulturell ausgerichtete Projekte neue Impulse auf die Institution einwirken?
  • Wieviel Veränderung in der Institution selbst ist tatsächlich möglich und gewünscht?

Diese Leitfragen erwiesen sich als grundlegend dafür, dass wir konkrete Handlungsempfehlungen und Diskussionsanstöße für die praktische Arbeit und die strategische Ausrichtung von Theatern, Museen und weiteren traditionell der Hochkultur zugeordneten Einrichtungen entwickeln konnten.

Konkrete Einsichten

Unser großes Glück war es, sieben Institutionen im Rahmen eines Forschungsprojekts der Zukunftsakademie NRW – Interkultur Kulturelle Bildung und Zukunft der Stadtgesellschaft bei ihren interkulturell ausgerichteten Projekten begleiten, befragen, und beobachten zu dürfen, und mit ihnen über ihre und unsere Ideen sprechen zu können. Gefördert mit Mitteln der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, erarbeiteten sie sehr unterschiedliche Ansätze, um neue Zielgruppen anzusprechen und zu gewinnen, sowie mit unterschiedlichen TeilnehmerInnen neue künstlerische Räume zu schaffen. Durch persönliche sowie schriftliche Interviews mit Kulturschaffenden und künstlerischen AkteurInnen, durch die Auswertung von Spielplänen und Flyern, in der Beobachtung und Befragung von BesucherInnen konnten wir konkrete Informationen über die Erfolge und besonderen Schwierigkeiten sehr unterschiedlicher Maßnahmen gewinnen.

Direkt aus der Praxis

Im Buch beschreibe ich dievon uns untersuchten Projekte der sieben Institutionen ausführlich und mit dem Ziel eines möglichst neutralen Überblicks. Deswegen will ich hier aus meiner ganz persönlichen Perspektive nur drei von den vielen Punkten herausgreifen, an denen ich besondere Qualitäten der Projekte sehe.

1. Schauspielhaus Bochum: Für das Schauspielhaus Bochum bedeutet die mehrjährige Kooperation mit der Herner Street Art Compagnie Renegade / pottporus e.V. eine ständige Konfrontation mit einem erfolgreichen und selbstbewussten Partner, der nicht nur die künstlerische Formensprache, sondern auch die Kultur des Hip-Hop im Sinne selbst organisierter Produktionsformen und kollektiver Arbeitsweisen mitbringt. Diese stehen den traditionellen Strukturen und den Routinen der Theaterarbeit entgegen. Das Theater nimmt diese Auseinandersetzung nicht nur in Kauf, sondern sucht sie aktiv, was mich sehr beeindruckt. Projekte: Der verlorene Drache (hier auf youtube), Zoff in Chioggia  und Tanzlabor.

 

2. Schauspiel Dortmund: Soziale Rollen in die Schwebe zu bringen, Machtverhältnisse umzukehren und und dadurch für BesucherInnen am eigenen Leib spürbar machen, wie es sich anfühlt, wenn man in fremder Umgebung und in ungewohnten Situationen agieren soll, und dabei von außen nach uneinsehbaren Regeln beurteilt wird, all dies verpackte das Schauspiel Dortmund in ein interaktives Stadtspiel. Bei dem Rundgang durch die Dortmunder Nordstadt wurden die BesucherInnen mit den Klischees im eigenen Kopf und mit dem eigenen Tunnelblick konfrontiert. Für mich waren die Erlebnisse bei zwei Rundgängen so hautnah, dass ich mich bis heute immer wieder mit den dabei aufgeworfenen Fragen und Gefühlen auseinander setze. Projekt: Crashtest Nordstadt, (trailer auf youtube)

 

3. Theater Oberhausen: Bei „Frühlings Erwachen“, einem Stück von Karstem Dahlem nach Frank Wedekind für das Theater Oberhausen, wurde ich Zeugin, wie Jugendliche erst amüsiert oder auch abwehrend auf die relativ drastische Darstellung von Lebenssituationen der jugendlichen Hauptpersonen zu Beginn des Stücks reagierten, dann immer weiter in den Bann der Erzählung gezogen, an wechselnden Schauplätzen in einem theaternahen Jugendzentrum immer neue Perspektiven einnehmend, zeitweilig in Jungen- und Mädchen-Gruppen getrennt, und hautnah an den Darstellern dran, und auf diese Weise mit Situationen konfrontiert, die immer weniger Ausweichmöglichkeiten ließen, und dann schließlich, nach dem Ende des Stücks, berührt, bewegt, fast schon wie ratlos vor dem Gebäude standen, und die anfängliche Distanz der Jugendlichen augenscheinlich völlig verschwunden war. Projekte: Frühlings Erwachen (auf youtube), Die kleine Hexe

 

Die Publikumszusammensetzung bei den begleiteten Projekten

In der Summe hatten 15% der BesucherInnen der Aufführungen in den beteiligten Theatern und dem beteiligten Museum mittlere oder einfache Bildungsabschlüsse. 13% der BesucherInnen gaben einen Migrationshintergrund an. Verglichen mit dem Stammpublikum, waren die BesucherInnen der Projektveranstaltungen jünger. Ein Drittel der BesucherInnen waren zuvor noch nie in diesem speziellen Haus, und fast alle beteiligten Einrichtungen erreichten einen hohen Anteil von um oder über 50% Besucher, die normalerweise nicht oder nur selten in ein Theater bzw. Museum gehen. Solche Zahlen sind nur punktuell aussagefähig, denn sie erfassen nicht die Veränderungsprozesse in den Institutionen und ihre langfristige Imageveränderung in der Wahrnehmung des Publikums. Viele der Beteiligten entdeckten dank der Projekte die Kulturinstitutionen als einen Ort, der auch für sie da ist, und an dem sie sich einbringen können. Genau dieser Punkt ist meines Erachtens der entscheidende Faktor für den Erfolg interkultureller Arbeit an Kulturinstitutionen.

 Die Zielgruppen kennen

Ganz gleich, ob Theater, Museum oder andere Anbieter sogenannter Hochkultur: jede Einrichtung im Kultursektor wünscht sich mehr Publikum. Und vor allem ein vielfältigeres, durchmischteres, weniger homogenes Publikum. Die „Silberköpfe“ sind das Schreckensbild der Feuilletons: über 50, akademisch gebildet, meist weiblich – so wird das Durchschnittspublikum der etablierten Kulturinstitutionen beschrieben. Mit viel Energie werden neue Wege erprobt, um verschiedene neue InteressentInnen für Aufführungen, Ausstellungen und Veranstaltungen zu gewinnen. Zielführend ist dies dann, wenn die Programme die Interessen und Bedürfnisse der angestrebten Zielgruppen aufgreifen. In vielen Institutionen ist das dazu benötigte Wissen über die Zielgruppen durchaus vorhanden, wird aber nicht systematisch abgeschöpft. Es kann passieren, dass die Intendantin noch fragt: „Was interessiert die türkischstämmigen Leute denn überhaupt?“, während der Theaterpädagoge im täglichen Umgang mit Schulklassen und WorkshopteilnehmerInnen sehr genau weiß, welche Themen auf Interesse stoßen und welche nicht. Für ihn liegen die Unterschiede ganz woanders: „Die Gräben bei interkulturellen Bildungsprojekten verlaufen nicht zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, sondern zwischen Bildungsmilieus.“ – „Gymnasiasten gehen oftmals verkopfter, mit künstlerischen Vorstellungen, und mit viel Vorwissen heran; Hauptschüler begreifen die Arbeit tendenziell eher als Chance, dass ihnen mal jemand zuhört und sich für ihre Lebensgeschichte interessiert.“, so ein Theaterpädagoge im Interview.

Einblicke gewinnen

Ein weiteres Praxisbeispiel: Kassenkräfte und MitarbeiterInnen im Service gewinnen ganz direkte Eindrücke, wieviel NeubesucherInnen im Haus sind, wer sich wo wie wohlfühlt, welche Wirkung das glanzvolle Foyer oder das gemütliche Ecksofa haben. „Das Publikum versteht das Theater auch als Treffpunkt. Soziale Kontakte werden gepflegt. Die meisten kommen als Paar, oder in einer 4er, 5er Gruppe. Am wichtigsten ist für das Stammpublikum aber das, was auf der Bühne stattfindet, also das Programm selber. Das macht sicherlich 80% des Theaterbesuchs aus.“ – „Interkulturell heißt hier erst einmal junges Publikum – hier kommen wenig ältere Erwachsene mit Migrationshintergrund, sondern die meisten, die kommen, sind hier geboren. Und da stellen wir keinen Unterschied zu anderen Jugendlichen fest, sie haben überhaupt keine Scheu, hier herein zu kommen, die wissen, was sie wollen und was nicht. Wenn sie keine Ahnung haben vom Theater, sagen sie dann zu uns, es wäre eben unsere Aufgabe, ihnen Informationen zu geben. Das betrifft Hauptschulprojekte, Schulbesuche, wenn Verwandte oder Freunde auftreten… Das Theater spiegelt trotz aller Projekte ja hauptsächlich deutsche Kultur“ – „Als wir bei einem Stück mehr Besucher mit Migrationshintergrund hatten, waren sie am Anfang ein bisschen verschüchtert, aber das hatte sich in der Pause schon gegeben, und vor allem in dem Moment, wo das Publikum unter sich war, wenn sie sehen, dass auch Andere da sind wie sie, Gruppen Gleichgesinnter unter sich sind sich sicherer, dann ist die Körperhaltung anders, wesentlich gelöster“ so die Statements von Kassenkräften in Interviews. Erfahrungen aus der täglichen Praxis der MitarbeiterInnen waren für uns beim Schreiben des Buches immer wieder der Ausgangspunkt, um Impulse für ein strategisches Audience Development zu setzen.

Hemmschuh Hierarchie

Oft sind es die internen Hierarchien, die Entwicklungen hemmen. „Wie sollen wir in der jetzigen Gesellschaft ankommen und etwas mit jungen Leuten machen, wenn wir Strukturen wie vor hundert Jahren im Feudalismus haben?“, fragte ein Schauspieler im Interview. Dabei gibt es durchaus positive Beispiele, wo z.B. Theaterpädagogen mit Intendant und Dramaturgen gemeinsam an der Programmgestaltung des Hauses arbeiten, oder wo die Philosophie des Hauses so umfassend diskutiert wird, dass durch die komplette Institution hinweg MitarbeiterInnen aller Arbeitsbereiche die Ziele und Visionen des eigenen Hauses benennen können, weil diese nicht bzw. nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich in die täglichen Entscheidungen einfließen.

Potentiale wahrnehmen und entwickeln

Unser Auftrag bei der wissenschaftlichen Begleitung der Projekte von sieben Kulturinstitutionen in NRW war es, „best practice“ zu beschreiben und Handlungsempfehlungen für Maßnahmen des Interkulturellen Audience Developments zu entwickeln. Diese werden in der Publikation zusammengefasst und in Kontext gesetzt. Eine der zentralen Empfehlungen des Buches lautet, Teams aus unterschiedlichen Bereichen wie Technik, Kasse, Dramaturgie oder Schauspiel zu temporären Projekten zusammenzuführen, um von den jeweils unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zu profitieren. Gemeinsam sollte ein spezifischer Begriff von Inhalt und Nutzen interkultureller Arbeit für die eigene Institution entwickelt, und auch programmatisch in den eigenen Leitlinien bzw. dem mission statement verankert werden. Interkulturelle Arbeit muss als Querschnittsaufgabe der gesamten Institution begriffen und praktiziert werden. Auch in puncto Kommunikation und Kundenmanagement werden konkrete Handlungsempfehlungen gegeben. Vermehrt mit Multiplikatoren zu arbeiten, key worker und andere Kontaktpersonen gezielt einzusetzen, das eigene Haus auch mal für Veranstaltungen von Verbänden und Vereinen zur Verfügung zu stellen, den Erfahrungsaustausch zu suchen mit unterschiedlichen PartnerInnen vor Ort, Partizipation auf verschiedenen Ebenen zu fördern: für Interkulturelles Audience Development gibt es eine Fülle von erprobten Maßnahmen. Essentiell ist es dabei, dass die Leitungsebene ein starkes Interesse an interkultureller Öffnung besitzt, und dass die interkulturell ausgerichteten Projekte als künstlerische Kernaufgabe, und nicht als „soziale Verpflichtung“ verstanden werden.

Die Publikation versammelt außerdem hilfreiche Informationen zu Publikumsforschung und zur Nutzung des Sinus Sociovision-Milieu-Ansatzes und der GEO-Milieus in nichtkommerziellen Kontexten, es werden Ergebnisse verschiedener Studien zu Kulturmarketing und Kulturvermittlung dargestellt, und nicht zuletzt werden erstmalig die Ergebnisse des 1. Interkulturbarometers NRW zusammenfassend aufbereitet. Den vielfältigen Erfahrungen aus kulturpolitischen Maßnahmen in England und den Niederlanden habe ich ein eigenes Kapitel gewidmet.

Chancen für alle

Es wird höchste Zeit, den Blickwinkel zu verändern. Unser Ziel war es, nicht nur mehr über das aktuelle und das neue Publikum zu erfahren, sondern auch die Veränderungen zu erforschen, die durch interkulturell ausgerichtete Projekte in den Institutionen selbst angestoßen werden. Es kann bei „Interkulturellem Audience Development“ nicht darum gehen, Sonderprogramme für – wie auch immer – als „ethnisch divers“ konstruierte Zielgruppen zu entwickeln. In der Frage der Nutzung von Angeboten etablierter Kulturinstitutionen verlaufen die Gräben nicht primär zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, sondern zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Bildungs-und Sozialstatus. Interkulturelles Audience Development ist ein Reflexionssystem, bei dem eine kontinuierliche Hinterfragung der Ziele, Methoden und Realitäten der Institutionen Entwicklungsprozesse anstößt. Die Programmplanung, die Kommunikationsformen und das Kundenmanagement sind die Stellschrauben, die das Überleben der Kulturinstitutionen durch ihre Weiterentwicklung und Wandlung sichern werden.

„Interkulturelles Audience Development“

Beim Interkulturellen Audience Development geht es darum, Wege aufzuzeigen, wie Institutionen sich weiterentwickeln können als Orte, die für mehr Menschen relevant und repräsentativ sind, die eine wichtige Rolle als Identifikations- und Diskussionsort für größere Teile der Bevölkerung spielen, und bei denen mehr Menschen das Gefühl haben, aktiv teilzuhaben. Sehr gespannt bin ich, welche Resonanz unsere Überlegungen erfahren. Für mich war diese Forschungsarbeit eine großartige Chance, für die ich mich bei allen Beteiligten bedanken möchte, natürlich besonders bei Birgit Mandel für die inspirierende Zusammenarbeit.

 

„Wir wollen Möglichkeitsräume in den Köpfen öffnen. (…) Uns geht es um einen Zuwachs an Handlungsmöglichkeiten bei den Beteiligten.“ (Theater Dortmund).

(Link zum Buch)

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