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Marc Nikoleit Taksim Gezi Twittwoch Ruhr twruhr
Marc Nikoleit Taksim Gezi Twittwoch Ruhr twruhr

Ausgegraute Welt: Taksim, Gezi, Istanbul…

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Wenn an Bäumen und Leitungsrohren, an Wänden und Bodenplatten graue Farbflecken erscheinen, erst hier, dann dort, dann immer mehr – dann bist Du in Istanbul. Dort hat die Gesinnungspolizei eine Farbe.

Grau erstickt Leben, ganz wie in dem Buch „Momo“. Leider ist das nicht nur ein niedliches Gleichnis: Der Künstler Marc Nikoleit liest die visuellen Spuren der Gezi-Park Proteste in der Türkei aus. Seine Erfahrungen vor Ort schilderte er beim 20. Twittwoch Ruhr #twruhr im Unperfekthaus Essen.

Kampf der Farbe

Das Graue ist ein Netz der Stummheit. Jeden Morgen übertünchen Polizisten mit grauer Wandfarbe die Schriften und Slogans der Istanbuler – sie überdecken die zahllosen Graffiti, oft einzelne Worte mit Hashtag zur schnellen Kommunikation über das soziale Netzwerk Twitter, des Nachts in Eile im Stadtviertel verteilt. 2013 enstanden Fotos dieser ausgegrauten, berhördlich stummgestellten Flächen. Marc Nikoleit konstrastiert sie mit Bildern von Barrikaden, von den Ständen der Straßenhändler gefüllt mit Atemschutzmasken, dann ein Bild seiner selbst neben dem Mann, der eines der wirksamsten Symbole der Kreativität des Widerstands in Istanbul und anderen türkischen Städten schuf, indem er sich schlicht auf den Taksim-Platz stellte und in diesem stillen, aber aufrechten Protest in ein paar Stunden 25.000 Menschen um sich versammelte.

Mit eigenen Augen

Von den brutalen Reaktionen der türkischen Regierung auf die Forderungen nach Meinungsfreiheit und mehr Demokratie kam in Deutschland anfangs nur ein wildes Tosen an – allerdings nur auf Twitter, denn in den Mainstream-Medien fanden #taksim und #occupygezi lange Zeit nicht statt. Doch wer Menschen in Istanbul in seiner Twitter Timeline hatte, starrte im Juni 2013 fassungslos auf Bilder von blutenden Personen, von Polizeiwillkür, auf kurze Videos im Gasnebel… mittels weniger Hashtags bot sich ein multifokales Gewitter des Unglaublichen. Ich erinnere mich, das gleiche Entsetzen verspürt zu haben wie angesichts von Berichten über Naturkatastrophen – und die ebengleiche Hilflosigkeit. Marc Nikoleit starrte ebenfalls auf die wachsende Flut der Nachrichten aus der Türkei. Was bei ihm begann mit einem professionellen Monitoring der Datenströme in den Social Media, führte ihn schließlich persönlich nach Istanbul – um sich aktiv ein eigenes Bild zu machen. Unter dem Deckmantel des Touristen, aus vorsichtigem Kalkül nur mit der technischen Ausrüstung des knipswilligen Urlaubers unterwegs. Was daraus entstand, sind Rauminstallationen, in denen er seine Eindrücke zusammenführt, nicht als neutral präsentierte Dokumentarfotografien, sondern in einem Geflecht multimedialer Spiegelungen.

Mayor on #Taksim

Als die türkische Regierung den Austausch auf Twitter unmöglich machte, schwenkten die User u.a. auf Foursquare um. Dieses Netzwerk, das als standortbezogene Social-Media-Anwendung erlaubt, sich an bestimmten Plätzen anwesend zu zeigen, hatte die Polizei nicht auf dem Radar, und so checkten mal eben bis zu 10.000 Menschen gleichzeitig auf dem Taksim-Platz ein. Twitter wiederum soll, Gerüchten zufolge, inzwischen der türkischen Regierung die persönlichen Daten der 35 Millionen Nutzer ihres Kommunikationsdienstes in der Türkei zur Verfügung gestellt haben. Welche accounts von Protestierenden twitter sperrt, und ob nun wirklich Daten an die Regierung weitergegeben werden – auch das sind Fragen, die in Deutschland keine große Aufmerksamkeit wachrufen. Wird immer noch grau gemalt – nicht nur in Istanbul? Marc Nikoleit verfolgt das Thema weiter. Die nächste Gelegenheit, seine Arbeiten zu sehen, ist das stARTcamp RuhrYork am 14. und 15. Juni 2014 im Dormunder U

Vielen Dank an Marc Nikoleit (@Marc_Nikoleit) für seinen Vortrag beim Twittwoch Ruhr #twruhr im Unperfekthaus Essen sowie an die Organisatoren Rouven Kasten (@gestalterhuette) und Gerhard Schröder (@KreativeKK).

2 Kommentare

  1. So traurig und bestürzend die menschenrechtsverletztenden Zustände in Istanbul sind, so schön ist es zu sehen, dass auch die Menschen hier Anteil nehmen und sogar einiges riskieren, um sich ein eigenes Bild von der Situation zu machen und es mit anderen zu teilen.
    Ein schön geschriebener Artikel, der neugierig macht und wichtige Fragen aufwirft.
    Wäre gerne bei dem Vortrag dabeigewesen.

    Der Termin im Dortmunder U wird schonmal vorgemerkt.
    Danke für den Hinweis!

    • Vielen Dank für den Kommentar. Social Media sind eben nicht nur Spaß, Flausch und Unterhaltung, sondern können auch unter die Haut gehen und aktivieren – mich hat Marcs Engagement ebenfalls sehr beeindruckt. Auf die Inszenierung in Dortmund freue ich mich auch – und das stARTcamp RuhrYork lohnt sich definitiv für alle, die sich für das Social Web + Kunst und Kultur interessieren. Wäre schön, wenn wir uns dort sehen!

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